„Banken müssen aufhören, Frauen durch alte Rollenbilder zu reglementieren“

Anissa Brinkhoff
Anissa Brinkhoff
Indra Schormann ist Immobilieninvestorin mit Banking-Hintergrund – und seit einigen Jahren Content Creator mit Bildungsauftrag: Unter dem Namen „Project Treehouse“ hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Erfahrungen im Investieren vor allem an Frauen weiterzugeben. Für den finletter Deep Dive haben wir mit ihr über strukturelle Diskriminierung von Frauen, ihren ganz persönlichen Kommunikationsansatz und notwendige Veränderungen in der Bankenwelt gesprochen.

finletter Deep Dive: Wann hast du erkannt, dass Immobilienwissen „auch“ für Frauen ein richtig guter Business Case ist?

Indra Schormann: Vor etwa vier Jahren habe ich für meine Alma Mater im Rahmen eines Alumnae-Treffens – also nur Frauen – einen Online-Vortrag zum Thema Kapitalanlagen und Immobilien gehalten. Es waren aber auch Männer eingeladen. Von den circa 80 Personen haben sich 20 danach bei mir gemeldet. Eigentlich eine gute Quote. Aber man kann es sich schon fast denken, von diesen 20 Personen waren 19 männlich. Ich war so schockiert davon. Kurze Zeit später habe ich dann beschlossen, meinen Fokus auf das Thema Finanzen und Immobilien zu legen, und habe meinen Instagram-Account eröffnet. Ich war der festen Überzeugung, dass ich Frauen gezielt ansprechen muss, wenn ich sie erreichen möchte – und zwar mit meiner weiblichen Geschichte und meiner Art, Dinge zu erklären. Daraus ist dann Project Treehouse geworden.

Indra Schormann ist als Finfluencerin vor allem unter dem Namen „Project Treehouse“ auf Instagram unterwegs

Wie versuchst du, am finanziellen Selbstbewusstsein von Frauen zu arbeiten?

Ich habe da drei Ansatzpunkte: 

Der erste ist „Hey, schau her, wenn ich das kann, kannst du das auch.“ Ich habe keinen Immobilien-Background, sondern komme aus einer Familie, der es sicherlich nicht schlecht ging, aber in der Investitionen wirklich das Letzte waren, was passiert ist. Schulden machte man nicht und Geld war immer ein irgendwie negativ behaftetes Thema.

 

Der zweite Punkt ist ganz klar, einen Schritt früher anzusetzen. Nämlich bei der Frage: „Warum glaubt ihr, dass ihr das nicht könnt?“ Warum haben wir als Frauen Scheu, diese Themen anzusprechen? Da versuche ich, Handwerkszeug mit an die Hand zu geben. Es muss nicht jeder mit Immobilien arbeiten, aber wir müssen auf jeden Fall alle irgendwas machen.

Der dritte Aspekt ist, dass ich durch meine Erfahrung sehr viel Wissen habe und sehr viele Situationen kenne, die uns als Frauen auch Angst machen und in die ich mich sehr gut hineinversetzen kann. Ich versuche immer mitzugeben: Was habe ich erlebt, worauf ihr am besten achten müsst. Das wirkt alles sehr beängstigend. Aber es ist gar nicht so schlimm, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Das ist Wissensvermittlung und Erfahrung teilen, um diese Barriere – den ersten Schritt in Richtung Investitionen zu machen, zu überwinden.

Auf welche Art vermittelst du dann dein Finanzwissen? Wie würdest du deinen Kommunikationsstil beschreiben?

Ich bin sehr offen und ehrlich.  Also wenn etwas richtig ätzend ist, wie das Ende letzten Jahres mit diversen Wohnungen bei mir war, dann kriegen das meine Follower genauso mit, wie einen Immobilien-Deal, der erst gar nicht so gut wirkte und am Ende unfassbar gut geworden ist. Ich teile auch finanzielle Dinge, bei denen meine Mutter die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und sagt: „Wie kannst du das überhaupt irgendjemandem erzählen?“ Ich glaube, dass genau das aber total wichtig ist. Ich habe jahrelang selbst im allerengsten Freundinnenkreis nicht darüber gesprochen, wie viele Immobilien ich habe. Mittlerweile rede ich darüber, was ich mache und wie viel Arbeit es ist.

Und was machst du damit anders als männliche Finanz-Creator?

Ich denke, dass ich an vielen Stellen noch mehr Wert auf Wissen lege und noch häufiger betone, wie wichtig es ist, zu verstehen, was man macht. Das ist aber vielleicht auch eine Stilfrage. Das könnte ich mir auch vorstellen, dass es gar nichts Weiblich-Männliches ist. Anders ist sicherlich meine etwas “leisere” Sprache, nicht dieser klassische Immobiliensprech. Ich fahr nicht mit dem dicken Auto vor. Mir geht es nicht darum, wahnsinnig vermögend zu sein, sondern darum, zu sagen: „Hey, du kannst auf eine gewisse Art und Weise frei werden, wenn du das Richtige machst. Und Freiheit ist für jeden etwas ganz anderes.“

Wie unterscheiden sich die Gespräche über deine Immobilieninvestments, je nachdem, ob du dich mit einem Mann oder mit einer Frau unterhältst?

Wenn ich mit einer Frau über Immobilien spreche, höre ich oft: Ich bin ja noch so jung. Ich habe doch gar nicht genug Eigenkapital. Ich bin noch in der Probezeit. Und dann habe ich damit vielleicht viel Ärger und ein großes Darlehen. Dann kann ich mir vielleicht mein Eigenheim gar nicht mehr leisten. Der Mann geht total davon aus, dass er das kann, obwohl er es noch nie gemacht hat. Die Frau geht – selbst wenn sie sich sogar schon damit beschäftigt hat – häufig erstmal davon aus, dass sie das nicht kann. Ich habe aber das Gefühl, dass sich das so langsam verändert, wobei ich natürlich auch in einer Blase bin.

Du hast auch männliche Kunden. Wieso kommen diese ausgerechnet zu dir?

Mein allererster zahlender Kunde zum Beispiel war ein sehr feministischer Mann. Der fand es gut, dass ich ein bisschen anders an die Sache herangegangen bin und ihn teilweise auch an Stellen gebremst habe, wo er mit seiner – wie er sagt – männlichen Forschheit vielleicht den einen oder anderen Verkäufer verschreckt hätte. Und tatsächlich sind alle meine männlichen Kunden sehr moderne Männer, die einfach auf das Ergebnis und meinen Erfolg gucken, sich nicht bedroht fühlen, sondern einfach mit jemandem zusammenarbeiten wollen, der Ahnung hat.

Welche Ratschläge hast du an die Finanzwirtschaft, wie sie eine weibliche Zielgruppe erreichen?

Ihr braucht junge Frauen mit Ahnung vorne an den Tischen, die die Gespräche führen: sei es, um Immobilien vorzustellen, zu Finanzierungsthemen zu beraten, um ein Konto zu eröffnen oder bei Investitionsentscheidungen zu helfen. Und dann müssen auf den Entscheiderbänken dahinter entweder im besten Fall wieder junge Frauen sitzen oder Männer wie meine Kunden, die sich da reinversetzen können, die die aktuellen Themen von Frauen kennen und erkennen und die vor allen Dingen weniger Unconcious Bias haben.

Indra Schormann könnt ihr erleben beim Panel „Finfluencer:innen und ihre Verantwortung in der Finanzwelt“ am 25. Mai auf dem Female Fintech Festival in Hamburg

Brauchen wir für Frauen eigene Finanzprodukte?

Das glaube ich nicht, wir brauchen nur eine andere Kommunikation und vor allem Frauen in der Beratung, mit denen sich andere junge Frauen identifizieren können. Und ich sag’s euch: Das wird vielleicht noch zwei Generationen dauern, aber auch die jungen Männer verlangen das irgendwann. Die Kundschaft der Zukunft braucht Vorbilder und Leute, die so denken wie sie und die sie vor allen Dingen ernst nehmen. Das ist das Aller-, Allerwichtigste. Denen müssen wir nichts erklären. Die sind alle ziemlich schlau und wissen alle ziemlich genau, wie das Internet funktioniert und wo sie ihre Informationen herbekommen. Wir müssen sie ernst nehmen und für sie Produkte entwickeln, bei denen sie sich ernst genommen fühlen.

Realistisch gesehen kann eine Bank nicht ihre ganze Beratermannschaft auf einmal gegen junge Frauen austauschen. Was forderst du stattdessen von Banken, Fintechs und Co. im Umgang mit ihren Kund:innen?

Ich fordere vor allem eine aktive Auseinandersetzung mit den Vorurteilen, die wir haben. Wenn in einer Bank auf der Entscheidungsebene nur Männer sitzen, die es  gewohnt sind, dass ihre Frau in Teilzeit arbeitet, Kinder bekommt und sich um alles kümmert, dann ist klar, dass dieser Bankberater auch denkt, dass die Frau, die ein Darlehen abschließen will, irgendwann ausfällt. Das ist aber gar nicht mehr die Realität. Da muss noch ein wahnsinniges Umdenken passieren. Wenn sich zum Beispiel Ehepartner trennen, ist es für den Mann leicht, eine Immobilie zu kaufen. Für die Frau ist es eine Katastrophe, weil sie möglicherweise in diesem Teilzeitding drin ist – und, genau, weil sie eine Frau ist. Weil in den Köpfen drin ist: Die kümmert sich um die Kinder, die arbeitet eh nicht wieder mehr. Das ist ein ganz großes Thema für die Finanzwirtschaft: Chancen geben und als Branche diese alten Vorurteile aufzubrechen. Ich glaube, dann passieren großartige Dinge. Man muss nur aufhören, die Frauen durch alte Rollenbilder zu reglementieren.

Was möchtest du noch sagen?

Es ist total schön, wenn wir Frauen das alles irgendwie machen und uns gegenseitig unterstützen und uns Wissen aneignen. Aber es ist wie immer: Es geht nicht alleine. Und ich glaube fest daran, dass eine gleichberechtigte Welt eine bessere ist. Auch für Männer. Deshalb wäre es so schön, wenn wir diesen Weg einfach gemeinsam gehen und gemeinsam versuchen, für die nächste Generation mehr Finanzwissen rauszubringen. Dann  haben alle das gleiche Wissen und den gleichen Zugang. Das wäre eine ziemlich tolle Welt.

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